Am 06. September hat die Afd bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ein Rekordergebnis erzielt. Das Gesicht der erfolgreichen Kampagne ist der Landesvorsitzende Ulrich Siegmund, der gerne der nächste Ministerpräsident des Bundesland werden würde. Im Vorfeld der Wahl hat sich das Journalismus Profil der Gy25B mit seinen rhetorischen Fähigkeiten auseinandergesetzt.

„Aber das, was wir hier in Magdeburg heute machen, das ist die Zukunft, weil schauen Sie sich doch mal um: hier ist keiner rechtsextrem. Hier ist jeder extrem im Recht. Und das ist der große Unterschied.“ Nach einer kurzen Stille reagiert das Publikum mit lautem klatschen, stampfen auf den Boden und pfeifen in Richtung von Ulrich Siegmund.

Dieser Auszug stammt von Ulrich Siegmund, dem Parteivorsitzende der AfD in Sachen-Anhalt, am 18.07.2026 in Magdeburg beim Wahlkampfauftakt der AfD. Besonders bekannt ist er für sein außerordentliches Talent, auf der Bühne zu sprechen und sein Publikum für sich zu gewinnen. Dabei verwendet er eine deutliche und selbstbewusste Körpersprache und spricht mit einer energischen Stimme. Durch Pausen, Betonungen und eine bewusste eingesetzte Lautstärke schafft er es, die Aufmerksamkeit der Wähler auf sich zu lenken.

Siegmund baut in seine Rede eine enge Verbindung mit dem Publikum auf. Dies schafft er vor allem, weil er auf Augenhöhe mit den Wählern kommuniziert. Schon zu Anfang macht er deutlich, dass er kein Zettel benötigt, um abzulesen was er zu sagen hat, sondern aus dem Herzen heraus das auszusprechen, was er gerade denkt. Dieser Satz gibt dem Publikum das Gefühl, dass Siegmund ehrlich und authentisch spricht und seine Aussagen nicht einfach vorher auswendig gelernt hat. Dadurch entsteht der Eindruck einer persönlichen und spontanen Rede. Gleichzeitig, vermittelt er den Zuhörern, dass er ihre Gefühle und Gedanken versteht und mit ihnen auf einer gemeinsamen Ebene steht.

Ein weiteres auffälliges Beispiel für Siegmunds Rhetorik ist seine Aussage „Ihr seid Teil von Geschichte.“ mit diesem Satz spricht er seine Zuhörer direkt an und vermittelt ihnen das Gefühl, an einem besonderen politischen Moment beteiligt zu sein. Das Pronomen „ihr“ schafft dabei Nähe zwischen dem Redner und seinem Publikum. Gleichzeitig stellt die Formulierung „Teil von Geschichte“ etwas sehr Großes und Wichtiges dar, sodass die Wähler viel Verantwortung haben. Der Wahlkampf wird dadurch nicht als gewöhnlicher politischer Wettbewerb dargestellt, sondern als historischer Wendepunkt. Als Wahlkampfrede ist diese Strategie besonders effektiv, weil sie die Wähler motivieren und die Bedeutung der Veränderungen sichtbar machen soll.

Siegmund agiert in seiner Rede mit den Zuhörern um die Gemeinschaft aktiv zu machen und um den Zusammenhalt in der großen Gruppe zu stärken. Wenn er Fragen stellt, wie „Wer ist heute hier, weil er einen gesunden Menschenverstand besitzt und den Mut?“ fordert er das Publikum dazu auf, sich unmittelbar an der Rede zu beteiligen. Auch hier reagierten sie mit lauten Rufen, lautem Klatschen und Stampfen auf dem Boden. Die Frage ist aber nicht unbedingt darauf ausgelegt, eine ausführliche Antwort zu erhalten, sondern dient vor allem dazu, Zustimmung und Gemeinsamkeit zu erzeugen. Die Zuhörer können sich selbst in der Aussage wiederfinden und fühlen sich als Teil der Gruppe.

Besonders deutlich wird dieses Gemeinschaftsgefühl an einer weiteren Aussage: „Es ist kein Unterschied mehr feststellbar im Parlamentarismus zwischen der CDU, zwischen den Linken, zwischen den Grünen. Und das sehen ja immer mehr. Und deswegen vertrauen sie in die Alternative für Deutschland als letzte konservative Hoffnung für unser Land, als letzte Chance für dieses Land.“ Hier stellt Siegmund die AfD den anderen Parteien gegenüber. CDU, Linke und Grüne werden dabei gemeinsam als politische Gegenseite dargestellt. Durch die Behauptung zwischen diesen Parteien sei „kein Unterschied mehr feststellbar“, werden ihre unterschiedlichen Positionen stark vereinfacht. Gleichzeitig stellt Siegmund die AfD als einzige Alternative dar und bezeichnet sie als „letzte konservative Hoffnung“ und „letzte Chance für dieses Land“.

Diese Darstellung stärkt den Zusammenhalt innerhalb des Publikums. Wenn Siegmund von der AfD als „letzte Chance“ spricht, entsteht zudem ein Gefühl von Dringlichkeit. Die Zuhörer sollen den Eindruck bekommen, dass eine wichtige Entscheidung bevorsteht und ihre Unterstützung für die AfD besonders notwendig ist. Dadurch wird aus einer politischen Veranstaltung eine gemeinsame Bewegung, bei dem die Wähler das Gefühl bekommen, für ein gemeinsames Ziel einzustehen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Siegmund seine rhetorischen Fähigkeiten gezielt einsetzt, um eine enge Verbindung mit seinen Wählern aufzubauen. Durch sein selbstbewusstes Auftreten, die direkte Ansprache, rhetorischen Fragen und die Darstellung der AfD als einzige Alternative geling es ihm, die Zuhörer emotional einzubeziehen. Gleichzeitig stellt er die anderen Parteien als Gegenseite dar und verstärkt dadurch das Gefühl einer geschlossenen Gemeinschaft. Seine Aussagen vermitteln den Zuhörern zudem ein Eindruck, Teil einer wichtigen politischen Veränderung zu sein. Damit zeigt sich, dass Siegmund nicht nur durch seine Sprache, sondern auch durch die Reaktion des Publikums eine starke Wirkung auf die Stimmung der Veranstaltung hat.

Doch ist das, was er sagt, überhaupt von Bedeutung, oder verblendet er die Zuhörer mit seiner Überzeugungskraft?

Um diese Frage beantworten zu können, muss man sich genauer mit den Inhalten seiner Rede beschäftigen und untersuchen, inwiefern seine Aussagen mit den Wahlprogramm der AfD übereinstimmen.

Auffällig an Siegmunds Rede ist, dass er sehr viel politische Themen nennt, aber nur wenige davon wirklich ausführlich behandelt. Er spricht unter anderem über Medien, Schulessen, Familie, Migration, die Wirtschaft und die politische Konkurrenz. Meistens schneidet er die Themen jedoch nur kurz an und geht dann schnell zum nächsten Punkt über. Dadurch entsteht der Eindruck, als hätte er eine Liste mit Stichpunkten in Kopf, die er möglichst schnell abhacken möchte, bevor er wieder ausführlich darüber spricht, wie großartig die AfD und ihre Wähler seien. Er nennt also viele Probleme und Forderungen, erklärt aber nur selten genauer, wie diese umgesetzt werden soll.

Besonders beim Thema Medien wird es deutlich. Siegmund kündigt als „erste Amtshandlung“ die „Kündigung des Medienstaatsvertrages“ und die Abschaffung der „Rundfunkabgabe“ an. Diese Forderung passt zur Kritik der AfD am öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Siegmund spricht seine Forderung dabei jedoch nur kurz an und geht danach nicht genauer darauf ein. Mit der Aussage „Wir möchten nicht reden. Wir möchten handeln.“ stellt er seine Entschlossenheit dar, erklärt aber nicht, wie seine Forderungen konkret umgesetzt werden soll.

Auch mögliche Folgen oder Probleme einer Abschaffung werden in seiner Rede nicht näher besprochen. Er erklärt beispielsweise nicht, wie die Bevölkerung danach weiterhin zuverlässig und unabhängig informiert werden soll oder wie die Finanzierung geregelt werden könnte. Dadurch entsteht der Eindruck, dass Siegmund das Thema vor allem nutzt, um eine klare Forderung zu nennen und die AfD als Partei darzustellen, die im Gegensatz zu den anderen Parteien „handeln“ will. Statt die einzelnen Punkte genauer zu erklären, geht er anschließend zu weiteren politischen Themen über.

Siegmund äußert sich auch zur Migration und spricht von Abschiebungen und davon, dass Deutschland wieder „sicher“ werden müsse. Doch was genau meint er unter „sicher“. In Sachen-Anhalt ist die Anzahl der Straftaten (insgesamt) bei nichtdeutschen Tatverdächtigen im Jahr 2025 auf 26,2% zurückgefallen, während noch im Jahr 2024, 29,6% der nichtdeutschen Tatverdächtigen gemessen worden waren. Das sind die Statistiken der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik Sachsen-Anhalt (PKS) beim Landesportal Sachen-Anhalt  2025 verfasst worden. Also möchte Siegmund die Ausländer Abschieben, während die Deutschen kein besseres Verhalten aufweisen. Dazu werden die konkreten Maßnahmen und die Schwierigkeiten bei deren Umsetzung in seiner Rede nicht aufgefasst und nur oberflächlich angeschnitten.

Interessant ist außerdem der Vergleich mit dem Wahlprogramm der AfD. Das Wahlprogramm enthält deutlich mehr konkrete politische Forderungen, als Siegmund in seiner Rede aufgreift. Im 100-Tage-Programm werden beispielsweise neben Abschiebungen auch mehr Abschiebehaftplätze, eine Arbeitspflicht für Asylbewerber und weitere Maßnahmen im Bildungsbereich genannt. In seiner Rede nennt Siegmund davon jedoch nur einzelne Punkte. Dadurch bekommt das Publikum eher einen Überblick über bestimmte Forderungen als eine ausführliche Erklärung des gesamten Programms.

Dadurch entsteht ein wichtiger Unterschied zwischen Wahlprogramm und Rede. Das Wahlprogramm enthält viele einzelne politische Forderungen, während Siegmund in seiner Rede nur eine Auswahl davon aufgreift. Er erklärt die Forderungen außerdem häufig nicht bis ins Detail. Stattdessen benutzt er kurze, klare Aussagen wie „Wir möchten nicht reden. Wir möchten handeln.“ Das wirkt entschlossen und kann beim Publikum überzeugend sein, ersetzt aber keine genaue Erklärung der politischen Umsetzung.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Siegmund in seiner Rede viele politische Themen anspricht, diese aber meist nur oberflächlich behandelt. Im Vergleich mit dem Wahlprogramm wird deutlich, dass er nur einige Forderungen aufgreift und kaum erklärt, wie diese konkret umgesetzt werden sollen. Trotzdem scheint diese fehlende Tiefe seine Zuhörer nicht zu stören. Viele von ihnen kommen bereits mit einer positiven Einstellung zur AfD und fühlen sich durch Siegmunds Aussagen in ihrer Meinung bestätigt. Er spricht ihre Sorgen und Erwartungen an, ohne jede Forderung ausführlich erklären zu müssen.

Bei genauerem Einlesen in die Forderungen zeigen sich jedoch einige Probleme. Viele der angekündigten Veränderungen sind nicht so einfach umzusetzen, wie sie in der Rede dargestellt werden. Es entstehen rechtliche, finanzielle und politische Schwierigkeiten, auf die Siegmund kaum eingeht. Dadurch wirken seine Vorschläge in der Rede einfacher, als sie bei einer tatsächlichen Umsetzung wären.

Dadurch entsteht der Eindruck, dass für einen Teil des Publikums nicht unbedingt die genaue politische Umsetzung im Mittelpunkt steht, sondern die Bestätigung der eigenen Überzeugungen. Siegmund schafft es somit, seine Anhänger von seinen Aussagen zu überzeugen, obwohl bei genauerer Betrachtung viele Fragen offenbleiben. Seine Rede zeigt deshalb, dass politische Forderungen überzeugend wirken können, obwohl ihre Umsetzung wesentlich komplizierter ist, als es zunächst dargestellt wird.

Auch im Hinblick auf die Definitionen von Rechtsextremismus lassen sich einige Aussagen aus Siegmunds Rede kritisch betrachten. Als Merkmale von Rechtsextremismus gelten unter anderem Fremdenfeindlichkeit, einen stark ausgeprägten Nationalismus, die Aufspaltung in Gruppen und Untergruppen und eine Ablehnung des demokratischen Pluralismus.

In Siegmunds Rede finden sich vor allem beim Thema Migration Aussagen, die zu solchen Merkmalen passen können. Er spricht davon, dass Deutschland sein „altes, sicheres Deutschland“ zurückhaben müsse und stellt Migration dabei als eine wichtige Ursache für Veränderungen und Probleme im Land dar. Gleichzeitig spricht er von einem gemeinsamen „Volk“ und davon, dass die eigene Art zu leben bewahrt werden müsse. Dadurch entsteht ein starkes Bild von eines einheitlichen deutschen Volkes und einer Bedrohung von außen.

Auch seine Aussage „Es ist kein Unterschied mehr feststellbar im Parlamentarismus zwischen der CDU, zwischen den Linken, zwischen den Grünen“ ist in diesem Zusammenhang interessant. Er stellt die anderen Parteien nicht als unterschiedliche politische Meinungen dar, sondern fasst sie praktisch zu einer gemeinsamen Gegenseite zusammen. Eine solche starke Einteilung in „wir“ und „die anderen“ kann mit dem Merkmal der Ablehnung des Pluralismus (Antipluralismus) verbunden werden. Bei Rechtsextremismus ist gerade die Ablehnung politischer Vielfalt und des demokratischen Wettbewerbs ein wichtiger Punkt.

Besonders auffällig ist außerdem Siegmunds Satz: „Hier ist keiner rechtsextrem. Hier ist jeder extrem im Recht.“ Damit weist er den Vorwurf des Rechtsextremismus nicht nur zurück, sondern stellt ihn als Verschönerung dar. Gleichzeitig zeigt die Rede aber Aussagen und Themen, die sich mit einzelnen Merkmalen rechtsextremer beziehungsweise rechtspopulistischer Politik überschneiden. Das bedeutet nicht, dass jede einzelne Aussage automatisch rechtsextrem ist. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel verschiedener Aussagen und Einstellungen.

Insgesamt zeigt die Betrachtung, dass Siegmunds Rede nicht nur aus politischen Forderungen besteht. Sie enthält auch Vorstellungen über Zugehörigkeit, Migration, das deutsche Volk und den Umgang mit politischen Gegnern. Gerade diese Punkte sind wichtig, wenn man seine Rede mit den Definitionen von Rechtsextremismus vergleicht. Dabei sollte man zwischen einzelnen Aussagen, rechtspopulistischer Rhetorik und einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild unterscheiden. Eine einzelne Aussage reicht für eine solche Einordnung nicht aus

Insgesamt zeigt Siegmunds Rede, dass seine größte Stärke darin liegt, sein Publikum zu erreichen und für seine politischen Vorstellungen zu begeistern. Inhaltlich spricht er zwar viele verschiedene Themen an, geht aber nur bei wenigen genauer darauf ein. Im Vergleich mit dem Wahlprogramm wird deutlich, dass er nur einen Teil der dort genannten Forderungen aufgreift und die konkrete Umsetzung kaum erklärt. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich deshalb rechtliche, finanzielle und politische Schwierigkeiten, die in seiner Rede kaum erwähnt werden.

Auch im Hinblick auf Rechtsextremismus finden sich in seiner Rede Aussagen, die mit einzelnen Merkmalen wie Fremdenfeindlichkeit, starkem Nationalismus oder Antipluralismus verbunden werden können. Gleichzeitig weist Siegmund den Vorwurf des Rechtsextremismus selbst zurück. Insgesamt wird deutlich, dass seine überzeugende Wirkung nicht unbedingt mit der inhaltlichen Tiefe seiner Aussagen gleichzusetzen ist. Seine Rede zeigt, wie politische Forderungen durch eine selbstbewusste Darstellung überzeugend wirken können, obwohl bei genauerer Betrachtung noch viele Fragen offenbleiben.

Laila Deuß (Gy25B)