Ein Kommentar zum Tag der Demokratie von Elisa Hadroug, Dana Herdzina, Estelle Gabriel, Buket Kara, Mehmet Altunay & Olivia Ruschmeyer (Gy25B)

„Man darf ja sowieso nichts mehr sagen – die Meinungsfreiheit gibt es ja gar nicht mehr.“ Das ist die Meinung von rund 44 Prozent der Deutschen, nach einer repräsentativen Umfrage von National Geographic aus dem Jahre 2024. Das ist eine Aussage, die wir auch oft im Alltag von den 50-jährigen Güntern zu hören bekommen, zumeist, wenn er auf eine rassistische oder sexistische Aussage hingewiesen wird. Das ist die jetzige Meinung der Deutschen. Aber was sollen die Menschen zum Beispiel in Afghanistan sagen?

Wir als (jugendliche) Bürger in Deutschland genießen viele Privilegien im Alltag, die wir mittlerweile als selbstverständlich sehen – wie die für uns selbstverständliche freie Wahl der Kleidung, die gerade besonders für Frauen nicht überall selbstverständlich ist. Es war als deutsche Frau bis in die 1970er Jahre verpönt, Hosen zu tragen. Natürlich gibt es in manchen Schulen eine Kleiderordnung oder bestimmte Einschränkungen, wie keine Tops, kurzen Röcke oder schulter- und bauchfreie Kleidung. Dennoch geschieht dies meist auf Wunsch der Erziehungsberechtigten oder kann zumindest von ihnen aufgehoben werden. Somit ist dies auch demokratisch entschieden.

Des Weiteren können wir in Deutschland unsere Sexualität frei wählen und ausdrücken. Die Diskriminierung daran ist außerdem ausdrücklich verboten (Grundgesetz, §6). Unser gemeinsamer Freund, eine echte Diva, wie wir finden, ist also somit glücklicherweise rechtlich vor Diskriminierung geschützt.

Bei den Europawahlen und Kommunalwahlen dürfen viele Jugendliche ab 16 Jahren schon wählen – je nach Bundesland, in Bremen auch. Die Mitbestimmung bei Bundestagswahlen ist aber erst ab 18 erlaubt, was jedoch auch schon ein großes Diskussionsthema ist.

Ab dem vollendeten 14. Lebensjahr gilt in Deutschland die Religionsmündigkeit. Das bedeutet, man darf ab diesem Punkt selbst wählen, welcher Religion man beitreten möchte und ob man überhaupt einer Religion angehören möchte. Solltest du also getauft worden sein, darfst du ab diesem Zeitpunkt theoretisch entscheiden, auszutreten.

Kommen wir nun zur Meinungsfreiheit – unserem Lieblingsthema. Ab dem Kindesalter gilt für alle das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung (Artikel 5 Grundgesetz). Du darfst deine Meinung also frei sagen, posten, demonstrieren usw. Hier gilt allerdings die Einschränkung, dass du das Recht des anderen nicht verletzen darfst. Dies bedeutet also, du darfst niemanden beleidigen. Sehr demokratisch, wie wir finden – alles andere wäre ja auch moralisch verwerflich, oder? Mit 16 Jahren darfst du dich sogar politisch engagieren. Freie Meinungsäußerung ist also eher ein kleineres Problem der deutschen Demokratie. Es bröckelt allerdings an anderen Stellen.

Wir haben ein größeres Rassismusproblem, wie wir finden. Ein Freund von uns wurde beispielsweise beim Bremer Freimarkt beleidigt aufgefordert, sein Parfüm – nachdem er deutlich gesagt hat, es sei nur Parfüm – in die Luft zu sprühen, um zu testen, dass es sich nicht um Pfefferspray handelt. Ein blonder Freund von uns hatte im Gegensatz dazu bewusst ein Pfefferspray mit, und es wurde ihm nicht abgenommen. Das ist undemokratisch! Und weit besorgniserregender als ein Hinweis darauf, dass die gerade gesagte Aussage diskriminierend ist. Wir sehen also: Demokratie herrscht überall – ob gut oder schlecht. Aber wenigstens herrscht sie.

Doch wie würde unser Alltag aussehen, wenn es keine Demokratie und Meinungsfreiheit geben würde?

Beispielsweise: Es ist Montagmorgen. Wir wachen auf und hören im Radio die Nachrichten. Aber es sind immer dieselben Sprecher, dieselben Themen, dieselben positiven Meldungen über die Regierung. Kritik gibt es nie. Das Radio darf nur das sagen, was die Regierung erlaubt.

In der Schule angekommen, erzählt unsere Lehrerin, dass wir heute über die „Leistungen des Staates“ sprechen sollen. Niemand von uns traut sich, zu sagen, dass er etwas anderes denkt. Wer Fragen stellt, die „zu kritisch“ sind, wird verwarnt. Mitschülerinnen, die ihre Meinung anders kundtun, werden suspendiert.

Mittags gehen wir einkaufen. Einige Regale sind leer, aber niemand weiß genau, warum – es gibt keine unabhängigen Medien, die berichten dürften. Auf der Straße hängen überall Plakate mit dem Gesicht des Staatsführers. Unten steht: „Ein Land – ein Wille!“

Bevor wir schlafen gehen, denken wir daran, dass wir morgen wieder aufpassen müssen, was wir sagen – selbst zu Freunden. Du merkst: Ohne Demokratie fehlt etwas ganz Entscheidendes – Freiheit, Sicherheit und die Möglichkeit, selbst mitzubestimmen.

Gucken wir uns das mal an einem lebensechten Beispiel an:
Frauen müssen ihren ganzen Körper bis auf die Augen verschleiern und dürfen keine farbige Kleidung tragen. Das heißt also: Einen schönen Tag mit ihren Freundinnen in der Waterfront gibt es für sie nicht. Modemagazine und die neuesten Trends sind für sie uninteressant. Männer müssen mindestens knielange Hosen tragen, welche bis zum Bauchnabel gehen. Außerdem sind die Männer dazu verpflichtet, einen Bart zu tragen. Ebenso ist es ihnen untersagt, Schmuck zu tragen. Für die Männer gilt außerdem eine strenge Frisurenregel, die besagt, dass ihre Haare nicht zu kurz geschnitten sein dürfen.

Dies zeigt, dass die Menschen sehr eingeschränkt sind und selbst einfache Aspekte wie Kleidung sie stark einschränken. Die Auslebung freier Sexualität, wie zum Beispiel Homosexualität, ist strengstens untersagt. Sie wird nicht akzeptiert und kann mit der Todesstrafe geahndet werden. Außerdem sind nicht-eheliche Beziehungen verboten. Menschen dürfen eine Beziehung eingehen, wenn sie heiraten. Mitschüler unserer Klasse müssten zum Beispiel bereits längst verheiratet sein.

Die Taliban herrschen über Afghanistan und lassen nur den Islam als Religion zu. Dieser ist sogar eingeschränkt, und die Menschen müssen ihn in der sunnitischen Glaubensrichtung ausleben. Menschen, die vom Islam abfallen oder einer anderen Religion angehören, werden bestraft – darunter fällt auch die Todesstrafe, zum Beispiel durch öffentliche Hinrichtung. Die Taliban herrschen allein, ohne jegliche Volksabstimmung oder Parteien. Freie Wahlen sind nicht vorhanden, und es herrscht keine Demokratie. Den neuesten Gossip auf der Straße gibt es nicht! Das Reden auf der Straße ist für Frauen strengstens untersagt. Hier wäre also ein Ergebnis der oben genannten Studie bei 100 Prozent angemessen. Da haben es sogar die deutschen Hunde an der Leine besser.

Anstatt sich überproportional über eine vermeintlich fehlende Meinungsfreiheit zu beschweren, raten wir dringlichst dazu, die angewendete Energie in etwas anderes hineinzustecken – zum Beispiel in die Frauenrechte.

Insgesamt lässt sich also sagen, dass das Ergebnis der Umfrage von National Geographic besorgniserregend ist, besonders weil es nahelegt, dass die Leistungen unserer Demokratie unterschätzt werden. Wir als Gruppe sind der Meinung, dass andere Probleme, wie zum Beispiel Rassismus, präsenter sind, wir aber dennoch im Vergleich zu anderen Ländern eine lobenswerte Regierungsform haben.