Flüchtlinge – Menschen, die aufgrund von Krieg, Hunger oder anderen Nöten ihre Heimat verlassen, um in einem anderen Land Zuflucht zu suchen. Wir alle kennen sie, zumindest die Bilder. Aber was ist mit den Menschen dahinter? Wie fühlt es sich an, wenn der Alltag von Unsicherheit bestimmt und das Zuhause zerstört wird? Wenn man seine Familie zurücklässt und in einer Gesellschaft ankommt, die sich nach ganz anderen Wertvorstellungen und Rechten richtet?

Das Projekt „Life Back Home – entwicklungspolitische Bildungsreihe mit jungen Geflüchteten“ beschäftigt sich mit den genau diesen Fragen. Im Rahmen des Unterrichts besuchen Referenten und Referentinnen, die selber nach Deutschland geflüchtet sind, verschiedene Schulen und erzählen von ihren Erfahrungen. Am Freitag (11.11.16) hatte auch meine Klasse (Gy16C) in der Politikstunde das Vergnügen, an diesem Projekt teilzunehmen. Davon möchte ich euch gerne berichten.

Vor Beginn der Stunde wissen wir alle nur grob, was uns erwartet. Zwei syrische Flüchtlinge werden in den Unterricht kommen und von sich und ihrem Leben erzählen, hat man uns gesagt. Und tatsächlich, als ich gegen Ende der Pause den Klassenraum betrete, sind neben unserem Lehrer Herrn Thorweger drei Frauen anwesend, zwei davon kaum älter als wir. Und der Begriff „Flüchtlinge“ zerplatzt mit all den damit verbundenen Klischees augenblicklich vor unserer Nase wie eine Seifenblase. Natürlich wissen wir schon vorher, dass diese Klischees selten der Wahrheit entsprechen, aber nun steht der lebendige Beweis vor uns, in Form von zwei jungen modernen Frauen, die uns sympathisch anlächeln.

Frau Taubenreuther begrüßt uns kurz im Namen der „LifeBackHome“-Organisation und erklärt, dass sie hauptsächlich zur Unterstützung dabei ist, womit sie direkt das Wort an unsere Besucher übergibt.

Als erstes stellt sich Rasha vor, die ebenso wie ihre Mit-Referentin Asma gerade mal 19 Jahre alt ist. Umso mehr beeindruckt uns, mit welcher Stärke und Ehrlichkeit die beiden ihre Geschichte mit uns teilen – kleine Sprachschwierigkeiten werden mit einem charmanten Lachen überwunden.

Rasha hat ein Spiel vorbereitet, bei dem kleine Zettel gezogen werden, auf denen Fragen stehen, die wir ihr stellen dürfen. Die Fragen drehen sich um Aleppo, ihre Heimatstadt. So beginnt eine Art Interview und sie erzählt lächelnd von gutem Essen, Traditionen, Sehenswürdigkeiten und davon, ob es in Aleppo eigentlich moderne Orte gibt. Wir erfahren, dass sie ihr Leben dort geliebt hat, ihre Wohnung, ihre Freunde, und dass sie Medizin studiert hat. Sie erzählt aber auch, was mit der Stadt im Zuge des Krieges passiert ist, zeigt uns Bilder von Häusern, vor und nach den Bombardierungen. Als der Krieg begonnen hat war sie 15, aber erst im Dezember letzten Jahres ist sie nach Deutschland geflüchtet. Zum Schluss dürfen wir ein Video mit Fotos von sich und ihren Freunden sehen, unterlegt mit einem deutschen Liebeslied. Die Bilder zeigen ganz normale Jugendliche, die Blödsinn und Selfies machen, lachen, Spaß haben – die nichts wissen von Flucht und Schmerzen. Durch die Erinnerungen steigen Rasha Tränen in die Augen und auch in meiner Klasse fangen einige bei dem berührenden Anblick an zu weinen.

Gefühle, die an Asmas Erzählungen direkt anknüpfen. Sie berichtet ausführlicher vom Krieg und von ihrer Flucht, aber auch von ihrem Leben davor. Eigentlich mag sie Tanzen und Singen und hat in Syrien Wirtschaft studiert.

„Ich habe nie gedacht, dass ich einmal fortgehen werde“, sagt sie, denn aufgrund des Kriegs musste sie alles zurücklassen. Besonders im Bezug auf ihre Familie tue ihr das sehr weh, denn diese sei für sie das Wichtigste. Doch als der Tod für sie zur Gewohnheit wurde und jeder Schritt auf der Straße mit Angst verbunden war, wusste sie, dass sie gehen musste. Zwar ist sie glücklich, in Deutschland Zuflucht gefunden zu haben, doch ändert das nichts an dem, was sie erlebt hat.

„Der Krieg hat uns alles genommen, unsere Herzen sind gebrochen, jetzt haben wir nur noch unsere Erinnerungen.“

Und die können manchmal ganz schön schmerzen. Sie erzählt, dass sie seit ihrer Flucht keinen Kaffee mehr trinken kann, weil sie das an ihr Zuhause und an ihre Familie erinnert.

Als sie von ihrer Flucht redet, müssen wir eine kurze Pause machen, weil sie zu weinen beginnt und nicht weitersprechen kann. Ihre Stimme zittert immer noch, als sie uns Bilder von dem Schlauchboot zeigt, mit dem sie fahren musste, und von der Angst berichtet, die sie damals begleitete. Die ganze Zeit habe sie sich gefragt, wie sich Ertrinken wohl anfühlen möge und ob sie sterben würde. „Wir konnten nichts anderes tun, als an unser Schicksal zu glauben.“

Weitere Bilder ziehen über die Leinwand in unserer Klasse, auf der die PowerPoint abgespielt wird. Eines zeigt Menschen, wie sie auf Züge klettern, darüber steht in großen Buchstaben geschrieben: „Unsere Tragödie ist die Tragödie der unschuldigen Leute.“

Auch Asma zeigt am Ende wieder ein Video, das nicht weniger berührend ist. Welches Leid sie durchleben musste, kann man anhand dieser Fotos nicht einmal erahnen. Dieses Mal wird zu dem Video ein Lied auf fremder Sprache abgespielt und während wir den neuen Tönen lauschen, singt Rasha leise mit.

Ganz zum Schluss dürfen wir noch Fragen stellen und es wird mit Vorurteilen aufgeräumt. Ohne mit der Wimper zu zucken stellen sich die beiden jungen Frauen gängigen Vorwürfen wie „Flüchtlinge wollen doch nur Geld!“ oder „Alle Flüchtlinge sind Kriminelle!“. In jeder Gesellschaft gebe es solche Leute, sagen sie. Das könne man nie auf die Mehrheit übertragen.

Als wir sie fragen, was Deutschland im Bezug auf Flüchtlinge besser machen kann, nennen sie die Organisation und Integration. Es brauche mehr Sprachkurse und dass man als Geflüchteter so lange nichts anderes tun könne als seine Zeit abzusitzen sei doof – auch, wenn sie das aufgrund der hohen Anzahlen natürlich verstehen könnten.

Trotz allem: „Wir danken Deutschland für die Hilfe in einer Zeit, in der arabische Städte uns nicht helfen wollten.“

Und im Namen meiner Klasse möchte ich mich für diese bereichernde Unterrichtsstunde bedanken!

 

Wer sich noch weiter über LifeBackHome informieren möchte, ist herzlich eingeladen, das auf ihrer offiziellen Website zu tun: http://lifebackhome.de

 

Thessa König

 

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